Einheit in der Verschiedenheit | Assemblée constitutive du Grand Fribourg
19.02.2019 |
Opinion

Einheit in der Verschiedenheit

Schauen Sie sich das Foto einmal an. Achten Sie nicht auf die fotografische Qualität des Bildes, die ist nämlich erbärmlich, stellen Sie sich die Frage, was Sie hier sehen. Nun, eigentlich klar. Glasklar. Sie sehen Freiburg. Das Bourgquartier, die Altstadt und das Schoenbergquartier. Das alles sehen Sie, klar. Und Sie wissen, alles dies, die Gesamtheit dieser unterschiedlichsten Gebäude und deren verschiedenen Stile und Epochen, all dies sieht man auf diesem Bild. Ist das schön? Ich weiss es nicht. Aber trotz dieser aberwitzigen Konzentration verschiedenster Bauepochen auf engem Raum weiss man, dass all dies zur selben Stadt gehört. Auch dem ungebildetsten Touristen ist dies klar. Das ist doch verrückt! Es sieht so verschieden aus!

Machen wir ein kleines Gedankenexperiment. Im 15. Jahrhundert steht ein Maurer auf der Baustelle der Kathedrale und fügt an der Spitze ebenjener ein paar Steine zusammen. Da er zufälligerweise gerade verliebt ist, in eine wunderschöne Bauerstochter irgendwo in der Pampa, oder in irgendeinen Ziegenhirten in ebenjener Pampa, schweift sein Blick ab. Er blickt auf die andere Seite des Flusses, über das Bett der Saane und sieht: Nichts. Vielleicht ein, zwei Häuschen, sonst nur Wiesen und Wälder. Ihm ist allerdings klar, dass die Gegend der Stadt gehört. Aber sie ist nicht Teil der Stadt. Er würde sich nie träumen lassen, dass das einmal Stadt sein werde. Und wieso? Weil es einfach nicht so aussieht! Es ist so verschieden! Und doch wird es einst vereinigt sein. 

Sie wissen noch nicht, worauf ich hinauswill? Keine Sorge, ich weiss es auch noch nicht ganz. Oder ahnen Sie es schon, wissen es gar? Dann überspringen Sie einfach den nächsten Abschnitt.

Waren Sie schon einmal in der westdeutschen Provinzstadt Bielefeld? Wahrscheinlich nicht. Müssen Sie auch nicht. Da allerdings meine Grosseltern dort wohnen, kenne ich die Stadt einigermassen. Und ich kann Ihnen sagen, der verliebte Maurer wäre lachend vom Gerüst gefallen, hätte er die Stadt gesehen, wie sie heute ist. Er hätte jeden ausgelacht, der das Ganze eine Stadt genannt hätte. Denn Bielefeld besteht grösstenteils aus alten Dörfern, die eingemeindet wurden. Diese «Quartiere» sind mit dem Auto teils eine halbe Stunde vom Bielefelder Stadtzentrum entfernt. Und das ohne 30er-Zonen oder Stau! Stellen Sie sich das einmal vor. Schwierig, nicht wahr?

Nun gut, aber was hat die grüne Wiese, die heute Schoenberg genannt wird, mit der Provinzstadt Bielefeld zu tun? Eigentlich gar nichts. Aber bevor Sie das Ganze für einen üblen Scherz halten, denken Sie an unseren verliebten Maurer. Für ihn ist das Konzept der Stadt Bielefeld genauso unsinnig, wie die Vorstellung eines Schoenbergquartiers in seiner Zeit. Dieser selbe Maurer würde, stände er an der Stelle – wo das obige Foto aufgenommen wurde, und würde er nicht hinter sich auf den Parc du Domino blicken, sondern dieselbe Aussicht haben, wie sie hier sichtbar ist – so würde er eindeutig eingestehen, dass das Ganze EINE Stadt ist. Er würde zwar jedes Mal einen furchtbaren Schrecken kriegen, wenn ein Auto oder gar ein Bus hinter ihm vorbeifahren würde, aber nun ja.

Das ist etwas ganz Besonderes. Nicht das Erschrecken, nein, die Tatsache, dass Freiburg, so verschieden es auch scheinen mag, eine Stadt ist und als solche erkennbar ist. Das muss auch so bleiben. Eine Eingemeindung muss nicht nur einen politischen Zusammenschluss darstellen, sondern auch einen städtebaulichen. Die EINE Stadt muss bleiben, daher darf Grossfreiburg nicht nur eine neue Gemeinde werden, es muss auch eine Stadt bilden. Ein grosses Freiburg!

 


 

Divers·e·s représentant·e·s de la société civile se sont porté·e·s volontaires pour créer des chroniques sur les histoires, les personnalités et les particularités qui caractérisent leur commune. Au travers de leurs publications, ces personnes externes à l'Assemblée constitutive explorent l’identité du Grand Fribourg. Elles abordent aussi différents sujets en lien avec la fusion des communes.

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Milan Herlth

Étudiant, Collège Sainte-Croix